Modulares Unternehmenskonto auf Basis von ELSTER

Seit der Prämierung mit GOLD des Bayerischen Landesamts für Steuern für die EKONA-Schnittstelle vor 2 Jahren im Rahmen des 17. eGovernment-Wettbewerbs ist Einiges passiert. Die damalige Idee von EKONA ist zwischenzeitlich erfolgreich verwirklicht. Mit dem BuG (Bürger- und Geschäftskundenportal) des Zolls ist seit dem 1. Oktober 2019 das erste Portal mit ELSTER als Identifizierungs- und Authentifizierungsdienst angeschlossen. Der Pro­zess ist dabei tatsächlich, wie damals angekündigt, so einfach wie Onlineshoppen.

Dabei ist es jedoch nicht geblieben; noch viel mehr Erfreuliches hat sich in der Zwischenzeit getan. Ganz nach dem Motto von ELSTER „Einfachmachen einfach machen“ sollen auch Unternehmen und Organisationen die Möglichkeit erhalten, Verwaltungsleistungen digital in Anspruch zu nehmen.

Mit Beschluss des IT-Planungsrates vom 14. Februar 2020 ist das BayLfSt nun beauftragt worden, auf Basis der in der Steuer bewährten ELSTER-Technologie in den kommenden zwei Jahren die Infrastruktur für ein einheitliches Unternehmenskonto in Deutschland zu entwickeln.

Das einheitliche Unternehmenskonto umfasst im Wesentlichen:

  • eine Web-Anwendung für Unternehmen, bei der die Unternehmen sämtliche für sie relevanten Verwaltungsleistungen zentralisiert vorfinden („Mein Unternehmensportal“)
  • einen zentralen Identifizierungsdienst für andere Verwaltungsleistungen („NEZO“)
  • eine Postfachfunktion (inkl. Funktionspostfach) mit Bekanntgabemöglichkeit für Bescheide, das den gesetzlichen Anforderungen entspricht („Postfach 2.0“), und
  • die Infrastruktur für die Anbindung von Kommunen und Fachverfahren.

Im Detail:

Mein UP

Das Bayerische Landesamt für Steuern betreibt hierfür neben dem bekannten „Mein ELSTER“ eine weitere, neue Instanz des ElsterOnline-Portals unter dem Namen „Mein UP" in der Version 1.0. Dieses Portal bietet alle Unternehmens-Steuerformulare und das SteuerPostfach (ELSTER Postfach Version 1.0) aus „Mein ELSTER“ und „Mein BOP" (Online-Portal des Bundeszentralamt für Steuern, BZSt) an. Die Web-Anwendung kann durch jeden, der ein ELSTER-Zertifikat besitzt, genutzt werden. In der ersten Stufe werden die Steuererklärungsformulare aus Mein ELSTER und Mein BOP dupliziert, außerdem erlaubt das Portal "Mein UP" den Zugriff auf das unternehmenseigene Postfach. In einer zweiten Stufe wird die Schnittstelle NEZOP integriert (siehe unten).

ELSTER Postfach Version 2.0

Das BayLfSt erweitert unter dem Projektnamen „ELSTER Postfach 2.0“ die Schnittstelle „ELSTER Transfer“ zu den Kommunen und anderen Fachverfahren. Über diese Schnittstelle können die Fachverfahren die Adressen von Unternehmens-Postfächern erhalten bzw. Verwaltungsakte, die elektronisch bekannt zu geben sind, an Unternehmens-Postfächer bereitstellen. Dokumente können hierbei –auch M2M - für das Unternehmen zugänglich gemacht werden.

NEZO und NEZOP(ortal)

Das „ELSTER Ökosystem“ erhält außerdem zwei neue Dienste (Schnittstellen) für die Betreiber von Portalen bzw. Servicekonten, die als „NEZO“ und „NEZOP“ bezeichnet werden. NEZO ("Nutzung der ELSTER-Zertifikate im Rahmen des OZG“) ist integraler Bestandteil der ELSTER-Architektur und kann über eine SAML 2.0 (Security Assertion Markup Language)-Schnittstelle zukünftig durch "Jedermann" genutzt werden. Der jeweilige Identitätsdatenkranz ergibt sich aus dem OZG. Für „NEZOP“ erweitert das BayLfSt „Mein UP" (Version 1.0) zu einer Version 2.0, damit Identitätsdaten Once-Only (SAML 2.0 IDP initiiert) weitergegeben werden. Der Unternehmer kann dadurch wählen, ob er zentral über das Portal „Mein UP“ (mit NEZOP) einsteigt oder unmittelbar bei der gewünschten Verwaltungsleistung (NEZO).

NEZO (SAML 2.0)

Grafische Darstellung NEZO

NEZOP (SAML 2.0 IDP initiiert)

Grafische Darstellung NEZOP

Postfach 2.0 (über ELSTER-Transfer)

Grafische Darstellung Postfach 2.0

Was ist das Besondere?

Der modulare Ansatz reduziert zum einen mögliche prozessuale und technische Einstiegshürden für zu integrierende Dienste/Fachverfahren und lässt zum anderen allen Beteiligten volle Flexibilität sowie Entscheidungsspielraum vor dem Hintergrund vorhandener Lösungen und Infrastruktur in Bund, Ländern und Kommunen. Diese können wahlweise bestehende Unternehmenskonto-Lösungen unter Nutzung von ELSTER weiter betreiben oder sich direkt an „Mein Unternehmensportal“ anschließen. Dafür wird eine Sammlung von Bausteinen (Diensten bzw. Schnittstellen und neue Funktionen) bereitgestellt, die sowohl durch Unternehmer als auch Behörden bzw. der Verwaltung weitgehend unabhängig voneinander genutzt werden können.
Die vollständige und ausschließliche Nutzung des zentral bereitgestellten ELSTER Unternehmenskontos anstelle eigener, in den Ländern entwickelter und betriebener Organisationskonten kann mittelfristig zu Kosteneinsparungen führen. Für die Module der länderseitigen OZG-Plattformen, die Organisationskonten und -Postfächer betreffen, werden sich vermutlich Einsparungen auf den Feldern Software-Entwicklung und -Wartung, Support sowie Betrieb der Infrastruktur ergeben.

Was ist das Innovative?

Die Einstiegs- und Nutzungshürde ist ebenfalls auf Unternehmensseite vergleichsweise gering: Alleinige Voraussetzung ist der Besitz einer ELSTER-Zertifikatsdatei, die bereits rund 50 Prozent der deutschen Unternehmen besitzen. Entscheidender Vorteil ist also, dass etwaige Hardware wie beispielsweise ein Ausweisleser, bei diesem Konzept nicht erforderlich ist. Vielmehr noch: Die ELSTER-Zertifikatsdatei ist mittels einer Android- und iOS-App auf Smartphones überall und völlig fleixibel nutzbar. Zudem werden durch die Nutzung des ELSTER Zertifikats auch die Verwendung bereits existierender Nutzerdaten ermöglicht, ganz im Sinne der Unternehmen und Organisationen.
Kurz: Durch die konsequente Anlehnung und Fortentwicklung der im Bereich der Steuer bereits eingesetzten und bewährten technischen Lösungen, ist es möglich, auf Basis von ELSTER eine produktionsreife Basislösung mit Bausteinen für ein einheitliches Unternehmenskonto umzusetzen.

Zudem kann der beschriebene Ansatz zukünftige die Basis sein für eine umfassende eGovernment-Lösung – für Unternehmen und natürlich Personen: Bereits über 23 Millionen Bundesbürger nutzen ELSTER für ihre Steuererklärung, sind somit im Besitz eines Zertifikats und könnten dieses auch einheitlich über Länder-, Behörden- und Zuständigkeitsgrenzen hinweg einsetzen.

Was ist die Nutzerorientierung?

Die Wirtschaft wartet auf digitale Lösungen, um alle Anträge einfach, schnell und in allen Bundesländern gleich abwickeln zu können. Unternehmen haben jedes Jahr durchschnittlich 130 Kontakte zu unterschiedlichen Behörden. In der Praxis bedeutet dies einen enormen Ressourcenaufwand für das Handling von Zuständigkeiten und Ansprechpartnern, Formularen und eventuell bereits vorhandenen Online-Zugängen. Das „Mein UP“ wird die zentrale Anlaufstelle für möglichst alle Behördenkontakte der Unternehmen und Organisationen.

Warum ist das schnell?

Die Bereistellung von Bausteinen zur Nutzung ermöglicht eine schnelle, flexible und bedarfsgerechte Umsetzung zur Anbindnung von Organisationen und zur Nutzung von Verwaltungsleistungen im deutschen eGovernment.
Der Beschluss des IT-Planungsrats mit der Bereitstellung der erforderlichen finanziellen Ressourcen und der forcierten Gesetzesänderungen ermöglicht einen sofortigen Beginn der Entwicklung und Umsetzung.

Good Practice

Das einheitliche Unternehmenskonto ist modular aufgebaut. Es eröffnet Bund und Ländern daher wahlweise ihre bestehenden Unternehmenskonto-Infrastrukturen unter Nutzung von ELSTER weiter zu betreiben oder sich direkt an das ELSTER-Unternehmensportal anzuschließen. Die große Verbreitung des ELSTER-Zertifikats als Basis ist Voraussetzung für von den Nutzern angenommene und genutzte eGovernment-Dienste und damit wiederum für den Netzwerk-Effekt: Je mehr nutzbare Dienste im Portal, desto mehr Nutzer für alle.

Erfahrungen

Es sind über 20 Jahre Erfahrung in der Entwicklung von ELSTER eingeflossen, die für die Umsetzung und Entwicklung des modularen Unternehmenskontos ein entscheidender Vorteil sind. Der Baustein „NEZO“ ist seit 01.10.2019 produktiv im Einsatz beim Bürger- und Geschäftskundenportal (BuG) des Zolls. Mit mehr als 25 % Verwendung von ELSTER-Zertifikaten bei den Nutzern zur Registrierung und Anmeldung beim BuG wird die Bedeutung von ELSTER im deutschen eGovernment nochmals deutlich.
Einzelne Pilotierungen Ende dieses Jahres sind bereits geplant.